04. April 2011  

19.03.2011 – Der Tag des Referendum

egypt017Morgens um sechs klingelt mein Wecker. Nach vier Stunden Schlaf bin ich trotzdem fit und wach. Verabredet bin ich für ca. 7.30 Uhr. Die Wahllokale öffnen um acht, die Wahl beginnt um 9.00 Uhr. Alle rechnen mit einer hohen Wahlbeteiligung und entsprechenden Wartezeiten, daher wollen meine Freunde früh am Wahllokal sein. Kairo steht am Wochenende spät auf. Amr Hamzawy sagte in seinem Vortrag, er stehe jeden Morgen um sechs Uhr auf und niemand im Saal würde ihm glauben wie schön, ruhig und leer Kairo dann sei.

Um kurz vor halb acht bekomme ich den Anruf, „bin da, kommst Du runter?“. Raus aus dem Hotel, rein ins Auto und wir fahren etwa fünf Minuten, finden sofort einen Parkplatz. Noch einen Kaffee trinken und dann zur Grundschule in Zamalek.

Wir erreichen das Wahllokal um viertel vor acht. Ich schätze etwa 500 Menschen stehen in zwei ordentlichen Schlangen vor dem Wahllokal. Eine Schlange mit Männern, eine Schlange mit Frauen. Die wartenden sind relativ gemischt. Ganz Junge, ganz Alte, gut gekleidete im Feiertagsoutfit, Menschen in Alltagskleidung, geschminkte Frauen mit offenen Haaren und Frauen mit Kopftüchern. Man sieht in Kairo den Niqab und die Burka eh recht selten, in Zamalek fehlte er ganz.

 

Ich wurde etlichen Leuten vorgestellt und diese wurden mir vorgestellt. Freundliche Gesichter, ständiges Lachen. Auch um uns herum, Menschen begrüßten sich, lachten und sprachen aufgeregt. Das ganze begleitet von zwei Soldaten und einer Menge Polizei.
Bis 10.30 Uhr stand ich da, konnte beobachten und fotografieren, dann kamen meine Freunde aus dem Wahllokal und machten das, was dutzende vor ihnen auch machten. Sie lächelten, teils grinsten sie, und zeigten den Finger mit Phosphorfarbe, der bewies, sie waren wählen.

Als meine Freunde aus dem Wahllokal kamen und stolz ihren Phosphorfinger zeigten, dachte ich, ich mache einen guten Scherz. Ich fragte „und wie war Dein erstes mal?“. Ich find den Scherz immer noch gut, war aber weder der erste noch der einzige der darauf kam. Ich hab diese Frage, manchmal auch in der ich-Form als Aussage an diesem Tag sicherlich dreißig Mal gehört. Und in Facebook wimmelt es von Fotos mit Phosphorfingern und diesem Spruch. Als wir Nachmittags in einem Club saßen, saßen uns zwei ältere Herren gegenüber, 71 und 72 Jahre alt. Der jüngere der beiden drehte sich zu meiner Begleiterin um, lächelte, zeigte seinen Finger und sagte „I did it for the very first time“, sein Begleiter grinste, zeigte seinen Finger und sagte „Me too“.

Während die normale Begrüßung in Kairo das Hand reichen ist, unter Freunden eine kurze Umarmung und ein leichter Kuss auf die Wange, war es an diesem Tag anders. Die normale Begrüßung war das heben der Hand und zeigen des markierten Fingers. Wer noch keinen markierten Finger hatte schien sich rechtfertigen zu müssen, oder war wie ich ein Ausländer.

Die Schlange am Wahllokal in Zamalek wurde immer länger. Als wir ankamen war etwa die Hälfte der kleinen Stichstraße gefüllt. Als wir weg fuhren sahen wir, die Schlange kam aus der Stichstraße raus, bog um eine Ecke zur Hauptstraße, ging die Hauptstraße entlang und bog an der ersten Kreuzung wieder ab.

In diesen drei Stunden wurde ich, während ich die Schlange der wartenden ablief um zu sehen wie lang sie ist, ungefähr einhundert mal gefragt woher ich komme und auf das herzlichste in Ägypten willkommen geheißen.

Auffällig war in Zamalek, die Schlangen von Männern und Frauen waren in etwa gleich lang. Das war in anderen Stadtteilen nicht so.
Ein älteres Pärchen kam die Straße entlang und wollte zum Ende der Schlange gehen. Sowohl die Polizei, als auch die wartenden sorgten mit viel Bewegung und Lautstärke dafür, das das Pärchen nach vorne ging. Sie wurden vor gelassen, gingen in das Wahllokal und kamen etwa 10 Minuten später wieder. Mit einem rosafarbenen Finger und einem Lächeln.

Taxis hielten, ältere Menschen stiegen aus, offensichtlich mit Schwierigkeiten lange zu stehen und zu laufen. Ein Taxifahrer hatte einen Stuhl für seinen Fahrgast dabei. Immer die gleiche Szene. Die alten Leute wollten sich hinten anstellen und alle kümmerten sich darum, dass sie nach vorne gingen und vorgelassen wurden. Der Taxifahrer packte den unbenutzten Stuhl wieder in den Kofferraum.
Die an sich aufgelöste Staatspolizei war auch da, sie beobachteten das geschehen. Zumindest einer sprach mich an, wer ich sei, was ich mache usw. Vermutlich sprach er die meisten fotografierenden Europäer an. Und es waren eine Menge Vorort. Die Deutsche Welle, etliche Printmedien, unabhängige Fotografen, ein französischer Fernsehsender (France24).

Anwohner und Hauswächter·kamen aus ihren Häusern. Tee und Wasser verteilend. Manche gaben ihnen ein Trinkgeld, manche auch nicht. Sie versorgten wartende, Polizei und Soldaten. Die Polizisten versuchten zu lächeln, die Soldaten lächelten.

Irgendwann fanden die Polizisten, es müsste mehr Ordnung her. Zwar war alles diszipliniert, aber anscheinend wollten sie das auch nach außen kenntlich machen. Sie spannten gelbes Flatterband. Auf der einen Seite machten sie es an der Dachreling eines Kleinbusses fest, auf der anderen Seite, war nichts zum Festmachen. Bemerkenswert war, nicht die Polizei nahm das Flatterband und ging durch die Menge, es war ein Fahnenverkäufer. Als ich die Schlange der wartenden ablief kam ich auch zum Ende des Flatterbandes. Es reichte nicht mal bis zur Hälfte der wartenden. Ägyptische Lösung: Man hatte das Flatterband an eine Pappröhre gebunden und wer immer gerade an dieser Stelle stand hielt sie fest. Als ich am Nachmittag noch mal nach Zamalek fuhr um zu sehen wie es jetzt am Wahllokal aussah, hielt immer noch wer die Röhre mit dem Flatterband.

Wir fuhren noch in einen anderen Stadtteil. Dort war Werbung der Muslim Brothers die zu einem Ja aufriefen. In der langen Schlange der wartenden Männer sahen wir einige „typisch“ gekleidete Männer, in der Schlange der Frauen auch Vollverschleierung. Aber auch hier waren die wartenden recht gemischt. Auffällig war, die Schlange der Männer war etwa dreimal so lang wie die der Frauen.

Der Eindruck vom Andrang und verschiedene Nachrichten vermittelten mir und anderen den Eindruck einer extrem hohen Wahlbeteiligung. So wurde gemeldet, Wahlurnen seien voll, es müssten neue beschafft und an die Wahllokale ausgegeben werden. Die Wahlunterlagen sind ausgegangen. Ein Richter bestätigte das in seinem Wahllokal ungestempelte Wahlzettel ausgegeben wurden und diese gültig sein. Ein anderer Richter hat Wahlzettel kopieren lassen und von Hand unterschrieben um deren Echtheit zu bestätigen. Die Wahllokale sollten um 19.00 Uhr schließen, die Öffnungszeit wurde auf 21.00 Uhr ausgedehnt. Einzelne Wahllokale haben solange geöffnet, bis jeder der um 21.00 Uhr in der Schlange stand auch gewählt hatte.

Dann kam der erste Bericht, die Wahlbeteiligung liege bei 41 %. Enttäuschung. (Auch wenn das die höchste Wahlbeteiligung in Ägypten bisher ist). Das kann doch nicht sein, wenn Wahlunterlagen fehlten, womit hat man den dann gerechnet? Es wird diskutiert, geredet und gefürchtet. Wie wird das Ergebnis, ist alles korrekt abgelaufen? Gab es wieder einmal Wahlbetrug?

Internationale Beobachter reden zwar von einzelnen Zwischenfällen, aber es ist selten. Es scheint keinen groß angelegten Betrug gegeben zu haben. Aber wieso ist dieser subjektive Eindruck so ganz anders als die Meldungen? Irgendwann frag ich, wie viele Leute eigentlich in Zamalek leben. So irgendwas zwischen 200 und 250 Tausend erfahre ich, aber das ist geschätzt. Und es gab nur ein Wahllokal. Bei einem Durchschnittsalter von 24 Jahren, schätze ich dann mal auf 120 bis 160 Tausend Wahlberechtigte. Also irgendwo zwischen 50 und 70 Tausend Menschen die in einem einzigen Wahllokal gewählt haben. O.K. das erklärt den Andrang.

Was bleibt?

Viel Arbeit für die Demokratiebewegung. Kairo ist nicht Ägypten und Zamalek ist nicht Kairo. Die ersten freien Wahlen seit 1952 hätten besser laufen können für die Bewegung, sie hätten aber auch schlechter laufen können.

Die Revolution hat in den Städten stattgefunden. Zwar lebt knapp die Hälfte der ÄgypterInnen in den Städten, aber eben die andere Hälfte auf dem Land. Die Bewegung für Demokratie und die „NO“-Bewegung hat sich mit ihren Kampagnen auf die Städte konzentriert und da dann vornehmlich auf die Gebiete wo sie stark war. Angesichts der hohen Analphabetisierungsrate in Ägypten, irgendwo zwischen 25 und 50 %, ist ein großer Teil der Bevölkerung über oppositionelle Printmedien gar nicht erreichbar. Zwar haben die meisten Menschen in Ägypten Fernseher, aber die Demokratiebewegung hat meines Wissens nach keinen Zugriff auf die Programme und auch die Internetkampagne erreichen weder die Analphabeten noch die Armutsbevölkerung.

Nichts desto trotz. Die Bewegung agiert zur Zeit ohne Parteien, mit virtuellen Strukturen. Die Anknüpfungspunkte in die reale Welt sind vorhanden und die Motivation ist hoch. Eine Auswertung der Wahlergebnisse, eine Auswertung der „JA“ Kampagne von Muslim Brothers und NDP wird in Strategien für den September münden. Zwei Dinge sind dafür notwendig: demokratische Prozesse innerhalb der Bewegung, die die Gemeinsamkeiten hervorheben und die Differenzen auf nach der Wahl vertagen und Geld. Beim zweiten kommen dann auch wieder die DemokratInnen Europas in die Verantwortung – es gibt viel zu tun, lasst uns anfangen …

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